[ zurück ] Werkstatt statt Etikett (2.91 Mb, 1024 x 1536, Werkstattmusik.png) 1775608442727.png !ADMIN 08.04.26 (Mi) 00:34 Nr.148 !ADMIN 08.04.26 (Mi) 00:34 Nr.148 Über Angine de Poitrine, nerdige Kulturkritik und die Kunst des Bastelns >>119 Wer Angine de Poitrine nicht kennt, braucht zuerst ein Bild. Zwei Musiker aus Québec stehen auf der Bühne. Der eine, Khn de Poitrine, spielt ein sonderbares Doppelhals-Instrument, halb Gitarre, halb Bass. Der andere, Klek de Poitrine, sitzt am Schlagzeug. Beide tragen gepunktete Kostüme und lange Nasenmasken, irgendwo zwischen Clown, Karneval, Science-Fiction und Bastelkeller. Aber der eigentliche Fremdkörper ist nicht die Optik. Es ist die Musik. Sie hört sich an, als entstünde sie im Moment, und ist doch das Resultat langer, genauer Arbeit: ungewohnte Harmonien, mikrotonale Verschiebungen, also zusätzliche Tonstufen zwischen den vertrauten Tönen, schiefe und wechselnde Metren, dazu ein Zusammenspiel, das nur deshalb so offen wirkt, weil darunter alles präzise justiert ist. Die vertrackten Metren erinnern entfernt an Math-Rock, ohne dass sich die Band darin erschöpfen ließe. Auch das Instrument folgt derselben Logik: Erst wurde eine Gitarre eigenhändig mikrotonal umgebaut, später entstand daraus mit dem Luthier Raphaël Le Breton eine maßgefertigte Doppelhals-Sonderanfertigung. Die Musik verlangte ein anderes Werkzeug. Also wurde das Werkzeug verändert. Vieles an Angine de Poitrine klingt improvisiert, ist es aber längst nicht mehr. Diese Musik hat die Beweglichkeit von Improvisation, nicht aber deren Zufälligkeit. Sie bleibt offen und hält doch zusammen. Beim Hören rutscht der Boden kurz weg, und fast im selben Moment merkt man, dass darunter etwas Verlässliches mitläuft. Oben ist vieles versetzt, verrückt, schwer sofort zu sortieren. Darunter hält ein Zusammenhang durch, der den Kopf trotzdem mitnicken lässt. Darin liegt ihre Stärke. Angine de Poitrine zeigen, dass Ordnung nicht nur als glatte Fläche existiert. Es gibt auch eine Ordnung aus Reibung: ungewohnte Harmonien, verschobene Metren, kurze Orientierungsverluste, darüber eine Form, die trotzdem nicht abstürzt. Man hört nicht Einfachheit, sondern Abstimmung. Nicht Eindeutigkeit, sondern Halt. Auch visuell entzieht sich die Band dem schnellen Zugriff. Hinter den Masken verschwindet fast alles, woran der Blick sich sonst festhält: Gesichtszüge, Mimik, sichtbare Hautpigmentierung, biografische Lesbarkeit. Übrig bleibt nicht die Person als sofort verwertbares Signal, sondern eine Figur — und damit wieder Raum für die Form selbst. Die Kostüme sind kein Zusatz. Sie setzen fort, was die Musik längst vormacht: Verfremdung statt Selbstauskunft, Konstruktion statt schneller Identifikation. Bei Angine de Poitrine ist überhaupt erstaunlich wenig einfach nur gegeben. Das Instrument ist umgebaut, die Tonordnung verschoben, die Bühnenfigur konstruiert. Alles wirkt bearbeitet, getestet, weiterentwickelt. Man bleibt an so etwas länger hängen, als es die Kultur der schnellen Einordnung eigentlich vorsieht. Man probiert, misst nach, sägt nach, kalibriert neu, verwirft, startet wieder. Das ist die Welt des Bastlers. Und es ist auch die Welt des Nerds, der sich mit der ersten Beschreibung nicht zufriedengibt, sondern tiefer liest, länger hinhört, Details festhält, die andere längst für zu speziell halten. Dazu passt, dass Angine de Poitrine ihre eigene, außerirdisch anmutende Fantasiesprache nicht nur auf der Bühne, sondern sogar in Interviews durchziehen. Das ist witzig, aber nicht bloß ein Gag. Es blockiert die sofortige Lesbarkeit. Wer keine verwertbaren Bekenntnissätze liefert, entzieht sich der Frage, in welchem Register er moralisch abzuspeichern ist. Die Musik entwickelt ihre eigene Sprache, die Kostüme verstärken den Eindruck, und die Interviewpraxis treibt das noch weiter. Der Hacker ist in dieser Welt nicht weit entfernt: Er interessiert sich nicht nur dafür, wie ein System gedacht war, sondern wie es sich tatsächlich verhält — wo es offen ist, wo es klemmt, wo sich eine Funktion umlenken oder ein Werkzeug gegen die Gebrauchsanweisung produktiv einsetzen lässt. Bastler, Nerds und Hacker nehmen den Gegenstand ernster als seine Verpackung. Genau deshalb passen sie zu Angine de Poitrine. Diese Band arbeitet so lange an Klang, Werkzeug und Auftritt, bis etwas Eigenes stabil läuft. Spätestens hier merkt man, wie schnell die üblichen Routinen der Kulturkritik an ihre Grenzen kommen. Schwach wird sie, wenn sie mit dem Etikett zufrieden ist. Dann geht es nicht mehr um Bauweise, Spannung, Risiko oder Bruchstellen einer Form, sondern nur noch um ihre korrekte moralische Zuordnung. Das reduziert Komplexität effizient, aber auf Kosten der Sache selbst. Es sieht aufmerksam aus und ist oft nur ein eleganter Weg, nicht tiefer hineinzugehen. Im Kulturbetrieb läuft dasselbe als Prüflogik. Noch bevor man hört, sieht oder liest, wird getestet, ob die Beschäftigung mit einem Künstler überhaupt politisch sauber ist. Darf man das? Ist das verdächtig? Steht diese Person auf der richtigen Seite? Die ästhetische Begegnung bekommt dann nur noch den Platz, der nach der moralischen Vorab-Prüfung übrig bleibt — im Betrieb selbst, von der Berlinale bis zur Biennale. Im öffentlichen Streit über Kultur wird aus dem Werk schnell ein Lagerzeichen; selbst beim ESC lässt sich besichtigen, wie rasch ein Beitrag vorsortiert erscheint, noch bevor er als Beitrag überhaupt arbeiten konnte. Kritik kippt dann leicht in Zugangskontrolle. Das bleibt oft erstaunlich flach. Angine de Poitrine sind dagegen ein gutes Gegenmittel. Man kann sie nicht mit zwei Referenzen abheften und dann behaupten, man habe sie verstanden. Man muss ein Stück weit mitgehen, ohne sofort fertig zu sein. Man muss zulassen, dass Harmonie und Metrik aus dem vertrauten Raster kippen, ohne dass gleich alles zerfällt. Man muss aushalten, dass man nicht sofort weiß, in welche Schublade das gehört. Diese Zumutung ist produktiv. Gerade hier müssten Kulturkritik und Kulturbetrieb selbst in die Werkstatt. Die Kulturkritik, weil sie zu oft mit dem Etikett zufrieden ist, statt sich an einer Form festzubeißen: tiefer zu lesen, weiter zu hören, genauer nachzusehen, lieber einmal zu viel zu assoziieren als einmal zu früh fertig zu sein. Der Kulturbetrieb, weil er zu früh sortiert, was als zeigbar, vertretbar oder anschlussfähig gelten soll. Beides läuft auf dieselbe Verarmung hinaus: Das Werk erscheint nicht mehr als Form mit Eigenlogik, Spannung, Risiko und Bruchstellen, sondern nur noch als Fall für Einordnung. Wo das geschieht, schrumpft der Raum für Irritation und neue Bauweisen. Auch Kritik braucht Werkstattinstinkt. Auch sie muss basteln können. Sonst kippt sie in Verwaltung, Freigabe und ästhetische Grenzkontrolle. Und Politik erst recht. Gute Politik ist nie ein fertiges Produkt. Sie ist laufender Betrieb. Bevölkerung verschiebt sich, Wirtschaft kippt, Krisen greifen ein, Technik verändert Regeln, Geldströme müssen umgelenkt, Fehlanreize gefunden, Prioritäten neu getaktet werden. Deshalb wirken Wahlplakate und Parteislogans oft so leer. Sie simulieren Entschlossenheit auf Papier, als wäre Politik schon erledigt, wenn der Claim sitzt. Die Umsetzung bleibt aus, und der Apparat behandelt die gelungene Oberfläche oft schon wie gelungene Politik. Das Frontend läuft, also gilt der Job als gemacht. Dabei beginnt Politik überhaupt erst dort, wo gemessen, nachjustiert, umgesteckt und gegen Widerstände weitergebaut wird. Gute Politik hätte mehr mit Werkbank als mit Werbefläche zu tun. Angine de Poitrine stehen dafür als ziemlich gutes Beispiel. Nicht weil sie Antworten liefern, sondern weil sie zeigen, wie angenehm es sein kann, wenn etwas nicht sofort als Haltung ausgeliefert wird. Manchmal ist ein eigener, tragfähiger Zusammenhang schon mehr wert als die nächste korrekte Einordnung. Manche Dinge tragen gerade deshalb, weil man ihnen Kleister, Vierteltöne und langes Basteln noch anmerkt. [ Seitenanfang ]